Mein Kaiserswerth
Irgendwie doch ein wenig wie an der Loire

Seit über 25 Jahren lebe ich in dem kleinen Städtchen, wobei ich ganz bewusst dieses Wort verwende, obwohl Kaiserswerth 1929 von Düsseldorf eingemeindet wurde und seitdem nur ein Stadtteil ist.

Wenn ich über die Kopfsteinpflaster-Straße gehe, vorbei an herrlichen alten Fassaden, dann fühle ich mich um zwei-, dreihundert Jahre zurückversetzt – und auch nach Frankreich, wo es noch viele intakte alte Städte gibt. Ich stamme aus dem Loire-Tal, das durch die Schlösser der französischen Könige berühmt ist.

Und Kaiserswerth ist ebenfalls von großen Herrschern geprägt, am stärksten wohl von Friedrich I., besser bekannt als Barbarossa, der Rotbart, der 1174 den Rheinzoll hierher verlegte und die Pfalz als kaiserliches Bollwerk und Zierde seines Reiches ausbaute.

Ein halbes Jahrtausend lang galt sie als „ein Wunderwerk der Stärke und Schönheit“ und ist erst 1702 während des Spanischen Erbfolgekrieges gesprengt worden. Die Ruine diente den Kaiserwerthern lange als Steinbruch, denn nur vier Häuser hatten die wochenlange Belagerung überstanden. Eins davon ist das alte Zollhaus von 1635, das dem „Schiffchen“ gegenüber liegt. Auf der Hofseite steht noch der Turm, von dem aus die Zöllner die Schiffe auf dem Rhein kontrollierten – eine ideale Lage, denn die Schiffe wurden stromaufwärts getreidelt, also von Pferden gezogen, und der Weg führte direkt am Zollhaus vorbei. Sie konnten erst weiterfahren, wenn der Zoll entrichtet ist. Neben Barbarossa haben zwei weitere große Männer die Stadt zu überregionaler Bedeutung aufsteigen lassen. Der erste war der angelsächsische Missionar Suitbertus, der das „Werth“ die Insel im Strom, zu einem Brückenkopf der Mission ausbaute. Er errichtete die erste Kirche und ein Kloster. Über seinem Grab wurden vom 11. bis zum 13. Jahrhundert der mächtige Dom erbaut, der zu den schönsten niederrheinischen Pfeilerbasiliken gehört. Kostbarer Besitz der Kirche ist der vergoldete, mit Edelsteinen besetzte Schrein mit den Gebeinen des Hl. Suitbertus aus dem 13./14. Jahrhundert. Der Stiftsplatz rings um die Kirche wird in den Städteführern als „einer der reizvollsten Winkel in Düsseldorf und städtebaulich einer der schönsten Plätze am Niederrhein“ beschrieben.

Der dritte Mann, der Kaiserswerth berühmt machte, war Theodor Fliedner, der 1822 als evangelischer Pastor in das verarmte Städtchen kam und dort als Gründer der Diakonissenanstalt am Markt ein Werk der Nächstenliebe errichtete, das in die ganze Welt ausstrahlen sollte. An Fliedner beeindruckt mich besonders der praktische Sinn und die geniale Verknüpfung zweier Pobleme: Er kämpfte gegen die Not der Kranken, Waisen, Armen, Gefangenen – und er bot den unverheirateten Frauen die Möglichkeit, einen anerkannten Beruf zu erlernen. Sogar Florence Nightingale war Schülerin in seinem Krankenhaus.

Ich fühle mich längst als Kaiserswerther.

Zwar sieht die Düsseldorfer Stadtverwaltung ihren nördlichen Stadtteil gerne als etwas provinziell an, aber immerhin hat die ehemalige Kaiserstadt eine fast 1300-jährige Geschichte vorzuweisen, ist also älter als Düsseldorf und so müsste eigentlich die jetzige Landeshauptstadt den Namen Kaiserswerth tragen – eine Überlegung, die vielleicht meinem „französischen Chauvinismus“ entspringt, der sich in den beiden letzten Jahrzehnten eben Kaiserswerth zugewandt hat.

Ich finde, das „Schiffchen“ ist das schönste Haus von Kaiserswerth. Und ich bin nicht der einzige, denn es wird täglich von Touristen, Malern, Fotografen, manchmal sogar ganzen Schulklassen umschwärmt. Es ist ein typisches niederrhenisches Barockhaus mit geschwungenem Giebel und erhöhtem Parterre (wegen des Hochwassers, der Rhein ist schließlich nur wenige Schritte entfernt und die Wassermarken an den Häusern sprechen Bende).

Es wurde 1733 von Johann von Lipp erbaut, dessen Initialen noch heute das Hinterhaus schmücken. Erst 1844 fand es unter seinem neuen Besitzer Gottlieb Matthias Flader seine wahre Berufung: Es wurde ein Gasthaus. (Sogar Fremdenzimmer gab es im ersten Stock, da wo heute das „Schiffchen“ mit seinen Sternen glänzt. Hedda und Herbert Eulenberg wohnten hier, als der junge Dramaturg des berühmte Düsseldorfer Schauspielhauses der Louise Dumont in Kaiserswerth auf Wohnungssuche war und schließlich „Haus Freiheit“ auf der Bastion Balthasar am Rheon kaufte.)

Schiffer und Treidelknechte, Bauern aus den umliegenden Dörfern und Kaufleute, später die Ärzte und Angestellten der beiden Krankenhäuser, die Maler von der Düsseldorfer Kunstakademie und die zahllosen Ausflügler, die mit den weißen Bötchen übers Wasser oder mit der „Elektrischen“ zum Clemensplatz kamen, ließen sich rheinischen Wein und Kasierswerther Bier schmecken. Dazu gab es „gut bürgerliche Küche“ und viel, viel Fisch, denn Aal, Salm und den sogenannten Beifang, das war alles, was sonst noch ins Netz ging und zu Backfisch vorbereitet wurde, gab es ja vor der Haustür des „Schiffchens“.

Bei Sonnenschein wurde in dem wunderschönen Gärtchen hinterm Haus unter Weinlaub und Fliederbüschen serviert. Dort ist heute die große Küche mit dem gusseisernen Molteni-Herd als Mittelpunkt. Schließlich erbte in der vierten Generation unser ehemaliger Vermieter Dr. Hans Stöcker, Journalist und Publizist, das Haus. Er liebte sein „Schiffchen“ über alles und ging mit viel Sachverstand daran, es zu restaurieren. Schon Ende der dreißiger Jahre wurde der weiße Verputz abgeschlagen, so dass der alte Ziegelstein und die steinerne Türumrahmung wieder zum Vorschein kamen. Als im letzten Kriegsjahr Granatsplitter das Haus vom Dach bis in den Keller durchschlugen, restaurierte das bekannte Architekturbüro Hentrich/Heuser die Schäden und stellte auch die Kölner Decken mit ihren charakteristischen ovalen Vertiefungen wieder her.

In den fünfziger Jahren wurden im Gastraum neben der Türe Teile eines Schiffrumpfes eingebaut, mit Bullaugen, Steuerrad und gebauchtem Heck. Das brachte uns 1987, als wir den ersten Stock im französischen Stil umbauen ließen und das „Schiffchen“ dorthin verlegten, auf die Idee, das neue Restaurant unten „Aalschokker“ zu nennen, nach den dickbauchigen Schiffen, die im vergangenen Jahrhundert an allen Rheinbiegungen lagen und Aale fischten.

Der „Aalschokker“ hatte sich der traditionellen deutschen Küche verschrieben, allerdings käme Gottlieb Matthias Flader wohl kaum auf den Gedanken, die dort servierten Gerichte mit seiner „gut bürgerlichen“ zu vergleichen.

Als wir das „Schiffchen“ 1977 übernahmen, geschah dies unter äußerst bescheidenen Umständen. Für insgesamt 400 Mark erstand ich vier übliche Küchenherde, um an ihnen meine Kunst zu probieren. meine Frau Jeannine stellte damals alle Desserts her und bestückte damit den Restaurantwagen. Eine Spülfrau übernahm das Putzen der Salate und Gemüse, und der einzige Kellner, Bernhard Matzky, war für das Glänzen des bisschen Silbers und vielen Messings und Kupfers zuständig.

Die anfangs noch raren Gäste mehrten sich peu à peu (auch dank unseres Vermieters, der bei seinen Führungen durch Kaiserswerth Gäste in „das schönste Haus Düsseldorfs“ lockte), so dass ich dann 1978 meinen ersten Lehrling, den jungen Fred Löwe, einstellte. Der Rotwein kam zu dieser Zeit noch aus dem Fass und aus Geldmangel wurden die Speisekarten mit Chromolux-Papier und Letraset selbst hergestellt.

Aber mein instinktiver Drang nach oben, der mich mein Leben lang begleitet hat, trieb mich weiter an und hat mich auch alle Hürden, ob finanzieller oder anderer Art (zweimal brannten die oberen Stockwerke ab!) nehmen lassen. Mittlerweile beschäftigen wir etwa 30 Mitarbeiter, die Arbeit von höchster Qualität leisten und denen wir sicherlich auch den größten Teil unseres Erfolges verdanken. Auch wenn es manchmal eine Belastung ist, dass jeder Tourist einmal einen Blick in das „Schiffchen“ werfen will, ist es wohl unumstritten, dass das „Schiffchen“ Kaiserswerth erneut berühmt gemacht hat. Trotzdem erstaunt es mich manchmal selbst, dass bei uns täglich Reservierungsfaxe aus aller Herrn Länder eingehen. Noch beeindruckender als wir zeigte sich Dr. Stöcker von diesem Ruhm. Als er einmal während eines Auslandsaufenthalts nach seinem Wohnort gefragt wurde und Wittlaer nannte, sagte dies seinem Gesprächspartner gar nichts. Als er deshalb erklärte, dieser Ort liege bei Kaiserswerth, kam wie aus der Pistole geschossen: “Ach, da wo das „Schiffchen“ ist?“ worauf er voller Stolz erwiderte: „Ja, und dieses Haus gehört mir!“

Auch Mitglieder des europäischen Hochadels, sogar das schwedische Königspaar, haben schon das „Schiffchen“ besucht. Zu den charmantesten Gästen für mich immer Frau Erna Stöcker, die Gattin unseres Vermieters. Meine Bewunderung für diese Dame habe ich zusammen mit dem Champagnerhaus Billecart Salmon zum Ausdruck gebracht, als wir ihr den „Cuvée Erna Stöcker“ widmeten, in der Hoffnung, ihren prickelnden Charme auf den Cuvée zu übertragen.

1988 wurde dem „Schiffchen“ der dritte Stern verliehen, eine Ehre, die damals nur drei Restaurants in Deutschland zuteil wurde und 27 Restaurants in Europa. Ein Jahr später dann das Unfassbare: Der Guide Michelin verlieh dem „Aalschokker“ für seine rein deutsche Küche einen Stern! Somit war das „Schiffchen“ das Haus mit den meisten Sternen in Europa. An seiner imposanten weißen Eichentüre prangt ein Messingknauf mit einem sechszackigen Stern, dem Wahrzeichen des Stadtpatrons Suitbertus. Als ich diesen Knauf zum ersten Mal sah, wusste ich, das ich in diesem Haus unter einem guten Stern segeln würde. Eigentlich haben ich ein Leben lang davon geträumt, mir ein Segelschiff zu kaufen. Mein Beruf hat mir dies jedoch nicht erlaubt. Aber ich konnte über 25 Jahre auf einem „Schiffchen“ verbringen, und wenn man auch das Segeln nicht unbedingt mit dem Kochen vergleichen kann, so fordert doch beides die gleiche Leidenschaft.

Außerdem hat mein „Schiffchen“ einem Segelboot eines voraus: Unter seinem Kiel lagern 18.000 Flaschen Wein! Der Aalschokker musste im Jahr 2001 seine Segel streichen und dem Restaurant „Jean Claude“ weichen, das eine schlichte Küche hat und Freiraum für Experimente bietet.